Ifo-Expertin: Die Chemiebranche kämpft ums Überleben

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Die chemische Industrie befindet sich in einer dramatischen Krise, verschärft durch unsichere Lieferketten und den Iran-Krieg. Laut Ifo-Expertin Anna Wolf stehen viele Unternehmen existenziell auf dem Spiel, was weitreichende Folgen für die gesamte Wirtschaft haben könnte.

Die Einschätzung der Lage

Ifo-Expertin Anna Wolf teilt die Einschätzung, dass die Chemieindustrie ihre schwierigste Zeit seit 25 Jahren durchlebt. Die Situation wird durch den Iran-Krieg und die Blockade der Straße von Hormus noch weiter verschärft. Viele Chemieunternehmen kämpfen ums Überleben, da sie bereits vor dem aktuellen Schock geschwächt waren. Die Gefährlichkeit des Iran-Kriegs liegt darin, dass er mehrere Belastungen gleichzeitig verstärkt: hohe Energiepreise, die die deutsche Chemieindustrie bereits international wettbewerbsunfähig gemacht haben, sowie eine global schwache Nachfrage.

Zusätzliche Belastungen durch den Iran-Krieg

Erdöl und Gas sind entscheidende Rohstoffe und Energieträger für die Chemieindustrie. Der Iran-Krieg führt zu Verteuerung und Verknappung dieser Ressourcen. Zudem steigen die Transportkosten, und die Handelsrouten sind von Unsicherheit geprägt.

Folgen für die deutsche Wirtschaft

Die chemische Industrie ist ein essenzieller Zulieferer für nahezu alle Wirtschaftszweige. Ihre Produkte finden sich in Kunststoffen, Baumaterialien, Reinigungsmitteln, Düngemitteln und pharmazeutischen Erzeugnissen. Engpässe oder Preiserhöhungen in der Chemiebranche strahlen daher auf viele andere Sektoren aus, was die systemrelevante Natur dieser Industrie unterstreicht.

Der Teufelskreis aus Preissteigerungen und Stellenabbau

Die aktuelle Situation zwingt Unternehmen dazu, Preise zu erhöhen, obwohl die Nachfrage bereits schwach ist. Angesichts hoher Standortkosten wäre eine Preisanpassung bereits vor dem Iran-Krieg notwendig gewesen. Um nicht in die Verlustzone zu geraten, können die Unternehmen nicht anders, als die Preise anzuheben. Dies verschärft jedoch die schwache Nachfrage und zwingt die Unternehmen zu Ausgabenkürzungen. Da Kosten für Energie, Rohstoffe und Bürokratie nicht beeinflussbar sind, bleibt oft nur der Stellenabbau als einzige Möglichkeit.

Langfristige Perspektiven

Eine baldige Entspannung ist unwahrscheinlich, selbst wenn die Straße von Hormus wieder geöffnet wird. Das zentrale Problem bleiben die hohen Energiepreise in Deutschland und die langsame Entwicklung der Energieinfrastruktur. Die Unternehmen tragen die Kosten der Energiewende, verfügen aber nicht über alternative Energiequellen. Eine dringende Lösung für die Energieversorgung und eine Senkung der Bürokratiekosten sind erforderlich. Strategische Reserven, ähnlich wie in China (z.B. für Ammoniak und Düngemittel), könnten kurzfristige Schocks abfedern.

Die Rolle des Staates

In einer Weltwirtschaft mit unsicheren Partnerschaften kann es sich Europa nicht leisten, systemrelevante Industrien abwandern zu lassen. Wenn Europa Sektoren verliert, die für Verteidigung, Pharmaindustrie oder Industriegase von zentraler Bedeutung sind, ist die Versorgungssicherheit gefährdet. Der Staat ist daher gefordert, die Abhängigkeit von unsicheren Partnerschaften zu reduzieren.

Beitrag der Chemieindustrie zur Energiewende

Die Chemieindustrie hat bereits vor der Energiekrise in energieeffiziente Produktion und Recycling investiert. Viele Maßnahmen wurden umgesetzt. Der Netzausbau und die Wasserstoffinfrastruktur sind jedoch staatliche Aufgaben. Die Politik ist nun gefordert, sich intensiv um eine souveräne Energieversorgung zu kümmern.

Produktionsverlagerung und globale Konkurrenz

Im Bereich der Grundstoffchemie wurden bereits Produktionsstätten geschlossen, beispielsweise bei BASF in Ludwigshafen, da die Produktion energieintensiv ist und der Wettbewerb stark preisgetrieben ist. Große Unternehmen bauen ihre Standorte in China und den USA aus. In der Spezialchemie, die spezifische Anwendungen bedient, ist die Situation anders. China profitiert zwar von günstiger Energie aus Russland, doch aktuell wird der Weltmarkt nicht mit günstigen chemischen Produkten überschwemmt, da China und Indien den Export zur Sicherung der eigenen Versorgung beschränken.

Chinas Rolle und Risiken für die Versorgungssicherheit

Die Eröffnung eines milliardenschweren BASF-Standorts in China ist symptomatisch. Viele Unternehmen erwägen ähnliche Strategien, um kostengünstig und wettbewerbsfähig zu produzieren. Dies ist wirtschaftlich sinnvoll, birgt aber Risiken für die Versorgungssicherheit. Wenn die Produktion am Anfang der Lieferketten in politisch instabilen Regionen stattfindet, ist die Handlungsfähigkeit des gesamten Wirtschaftsraums gefährdet. Die Abwanderung der Chemieindustrie würde Deutschland und Europa nicht nur Industriearbeitsplätze kosten, sondern auch wirtschaftliche Resilienz.

Standardisierung und Preisdruck

In der Chemieindustrie sind viele Produkte standardisiert, was den Wettbewerb stark preisgetrieben macht. Die Qualität ist durch Vorgaben gesichert.

Konkurrenz aus Asien

Obwohl China von günstiger Energie aus Russland profitiert, ist der Weltmarkt für chemische Produkte derzeit nicht von günstigen Angeboten aus China oder Indien geprägt. Stattdessen haben beide Länder ihre Exporte eingeschränkt, um ihre eigene Versorgung zu gewährleisten.

English Translation:

Ifo Expert: “Chemical Companies are Fighting for Survival”

Uncertain supply chains and the Iran conflict are dramatically worsening the crisis in the chemical industry. For many companies, it’s a matter of survival, with consequences that could affect the entire economy.

The Assessment of the Situation

Ifo expert Anna Wolf agrees with the assessment that the chemical industry is experiencing its most difficult time in 25 years. The situation is being further exacerbated by the Iran conflict and the blockade of the Strait of Hormuz. Many chemical companies are fighting for survival, as they were already weakened before the current shock. The danger of the Iran conflict lies in its simultaneous intensification of multiple burdens: high energy prices, which have already made the German chemical industry internationally uncompetitive, and weak global demand.

Additional Burdens from the Iran Conflict

Crude oil and natural gas are crucial raw materials and energy sources for the chemical industry. The Iran conflict is leading to increased costs and scarcity of these resources. Furthermore, transport costs are rising, and trade routes are marked by uncertainty.

Consequences for the German Economy

The chemical industry is an essential supplier to almost all economic sectors. Its products are found in plastics, building materials, cleaning agents, fertilizers, and pharmaceutical products. Bottlenecks or price increases in the chemical sector therefore have ripple effects on many other industries, underscoring the system-relevant nature of this sector.

The Vicious Cycle of Price Increases and Job Cuts

The current situation is forcing companies to increase prices, even though demand is already weak. Given high location costs, a price adjustment should have been made even before the Iran conflict. To avoid falling into the red, companies have no choice but to raise prices. However, this further exacerbates weak demand and forces companies to cut costs. Since energy, raw material, and bureaucratic costs are uncontrollable, job cuts often remain the only option.

Long-Term Prospects

An immediate easing of the situation is unlikely, even if the Strait of Hormuz is reopened. The central problem remains high energy prices in Germany and the slow development of energy infrastructure. Companies are bearing the costs of the energy transition but lack alternative energy sources. An urgent solution for energy supply and a reduction in bureaucratic costs are necessary. Strategic reserves, similar to those in China (e.g., for ammonia and fertilizers), could cushion short-term shocks.

The Role of the State

In a global economy with uncertain partnerships, Europe cannot afford to let strategically important industries migrate away. If Europe loses sectors that are crucial for defense, the pharmaceutical industry, or industrial gases, its supply security is at risk. The state is therefore called upon to reduce dependence on unreliable partners.

The Chemical Industry’s Contribution to the Energy Transition

Even before the energy crisis, the chemical industry had invested in energy-efficient production and recycling. Many measures have been implemented. However, network expansion and hydrogen infrastructure are state responsibilities. Politics is now called upon to focus intensively on a sovereign energy supply.

Production Relocation and Global Competition

In the basic chemicals sector, production facilities have already been closed, for example, at BASF in Ludwigshafen, as production is energy-intensive and competition is heavily price-driven. Large companies are expanding their sites in China and the USA. The situation is different in specialty chemicals, which serve specific applications. While China benefits from cheap energy from Russia, the global market for chemical products is not currently flooded with inexpensive goods, as China and India have restricted exports to secure their own supply.

China’s Role and Risks to Supply Security

The opening of a multi-billion euro BASF site in China is symptomatic. Many companies are considering similar strategies to produce cost-effectively and competitively. While economically sensible, this poses risks to supply security. If production at the beginning of the supply chain takes place in politically unstable regions, the room for maneuver of the entire economic area is endangered. The migration of the chemical industry would not only cost Germany and Europe industrial jobs but also economic resilience.

Standardization and Price Pressure

In the chemical industry, many products are standardized, making competition heavily price-driven. Quality is ensured by specifications.

Competition from Asia

Although China benefits from cheap energy from Russia, the global market for chemical products is not currently characterized by inexpensive offerings from China or India. Instead, both countries have restricted their exports to ensure their own supply.

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